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Im Folgenden stelle ich in unregelmäßigen Abständen Bücher für interessierte Leser vor. Im Unterschied zu manchen Gepflogenheiten des Feuilletons habe ich die empfohlene Lektüre vollständig selbst verdaut.


 

Schule und Sloterdijk

Um den zentralen Aspekt des Buches Du mußt dein Leben ändern zu betonen, könnte sein Titel auch heißen: Vom übenden Leben. Übend, folgt man Sloterdijks Diktion, macht der Mensch aus sich, was ihm als überschussfähigem Wesen grundsätzlich als Möglichkeit eines Über-sich-hinaus gegeben ist. Übung ist dabei „jede Operation, durch welche die Qualifikation des Handelnden zur nächsten Ausführung der gleichen Operation erhalten oder verbessert wird, sei sie als Übung deklariert oder nicht“ (S. 14). Wo nun vom übenden Leben die Rede ist, kann auch die Schule nicht weit sein. Wäre Schule als institutioneller Lernort also ein animierter und animierender Übungsort zur Überschussermöglichung in und an denen, die sie bevölkern, gemeinhin bekannt als Schüler und Lehrer?

Folgt man Sloterdijks Diagnose, garantiert das heutige Schulsystem Bedingungen, die eben dies verunmöglichen. Was es da einzuüben gäbe, sei hauptsächlich das System Schule selbst. „Dem entspricht das einzige externe Unterrichtsziel: der Schulabschluß“ (S. 684), was zur Folge habe, dass statt Überschussbildungen Anpassungsleistungen „geübt“ würden. „Durch Anpassung an das System hat man ein Lernen gelernt, das auf die Verinnerlichung der Materien verzichtet; man hat, nahezu irreversibel, die Stoffdurchnahme ohne aneignendes Üben eingeübt. Man hat den Habitus des Lernens-als-ob erworben, das sich beliebige Gegenstände defensiv zu eigen macht, in der systemimmanent richtigen Überzeugung, die Fähigkeit zur Anpassung an die gegebenen Formen des Unterrichts sei bis auf weiteres das Ziel aller Pädagogik“ (S. 684f.). Und so komme es, dass die Schule Jahr für Jahr mehr desorientierte Schülerkohorten entlasse, „ohne dass den einzelnen Lehrer und Schüler auch nur die geringste Schuld daran träfe“ (S.681).

Sloterdijk wiederholt hier eine Schulkritik, die er ähnlich zuvor in der Kritik der zynischen Vernunft formuliert hatte. Dort heißt es unter der Überschrift Brüche der Aufklärung: „Im modernen Bildungssystem verfällt die Idee der verkörperten Erkenntnis in den Lehrenden wie in den Studierenden. Die Professoren sind wirklich keine ´Bekenner´, sondern Trainingsleiter in Kursen eines lebensfernen Wissenserwerbs. Die Universitäten und Schulen üben eine schizoide Rollenspielerei, in der eine demotivierte, aussichtslos intelligente Jugend es lernt, die allgemeinen Standards aufgeklärter Sinnlosigkeit einzuholen. [...] Gäbe es nicht Lehrer, die sich verzweifelt um Aufklärung trotz Unterricht bemühten und ihre Lebensenergie trotz der Verhältnisse in den pädagogischen Prozess investierten, würde kaum noch ein Schüler erfahren, worum es in einer Schule gehen sollte. Je systematischer Erziehung geplant wird, desto mehr hängt es vom Zufall oder vom Glück ab, ob überhaupt noch Erziehung als Initiation in bewußtes Leben geschieht.“ (S. 172).

Vergleicht man die aktuelle Kritik mit der über 20-jährigen früheren, fällt neben der thematischen Verknüpfung vor allem auf: In der neueren Kritik ist von verkörperter Lehre schon gar nicht mehr die Rede. In der zeitlichen Differenz beider Texte scheint ein Zugewinn eines Prozesses auf, in dem es vornehmlich darauf ankommt, sowohl Lehrer als auch Schüler und Studenten zugunsten bloßer funktionalistischer Größen zu depersonalisieren. Denn wenn niemand, Schüler oder Lehrer, an der nach Sloterdijk traurigen Lehr- und Lernanstalt Schule Schuld trägt, ist auch der personale Gestaltungsspielraum gänzlich ausgeräumt, den die frühere Kritik immerhin noch einräumte.

Was mithin in Schulen und Universitäten gebildet werden soll, ist demgemäß kaum personale Bildung in freierer Entfaltung, sondern Funktionstauglichkeit, die sich trickreich Bildung nennt. Auch für Schulen gilt, was der Bologna-Prozess für die Universitäten schon bewirkt. Mit dem Einzug betriebswirtschaftlicher Planwirtschaft als ideologischem Sinn- und Bedeutungshorizont sind Lehrkörper mehr denn je zunächst und vor allem Mitarbeiter im Weinberg der Bürokratie. Wer darüber hinaus Überschussambitionen pflegt, ist selber schuld, und nicht selten sind es ambitionierte unter den Schülern, die kraft ihrer Überschüsse nur in Noten durchschnittlich sind.

Peter Sloterdijk: Du mußt dein Leben ändern. Frankfurt/M. 2009. Ders.: Kritik der zynischen Vernunft. Frankfurt/M. 1983


Konrad Paul Liessmann: Theorie der Unbildung

Liessmans sehr lesenswerte Analyse unseres „Bildungssystems“ ist ein ambitionierter Ritt denkenden Denkens durch jene geistigen Hohlräume, in welchen von Phrasen wie „Wissensgesellschaft“, „Exzellenzinitiativen“, „Evaluation“ und „Qualitätsmanagement“ schwadroniert wird, um mit wohlfeilen Wortmarken zu verbergen, wie Bildung selbst zu einem stets marktkonformen Verhaltenstraining unterhöhlt wird. Das Mantra vom „Lernen lernen“, lebenslang natürlich, als eines dieser Hohlformen, wüsste in der Tat nicht zu sagen, welche Inhalte denn überhaupt gelernt werden sollen. Es will von Bildungsinhalten eigentlich nichts, von verwertbarem „Humankapital“ allerdings alles wissen. Wer nur gelernt haben sollte zu lernen, ist letztlich Inhalten gegenüber blind, daher mit jeder Aufgabe immer schon konform. Stets austauschbares Wissen im Kopf, dies meint der neuere Begriff „Bildung“, ist die komplette Verneinung eines Begriffs von Bildung, der ehedem mit Wachstum, Welterfahrung und innerer geistiger Reife verbunden war. Ein deutscher Philosoph von Weltgeltung, Immanuel Kant, hätte unter diesen Bedingungen, wie Liessmann resümiert, keine Chance gehabt, zu werden, was er wurde. Damit sich Kant nicht wiederholt, könnte man sagen, wandeln sich Universitäten zu industriellen Wissensproduktionsstätten, die ihr dafür benötigtes Know-how bei McKinsey&Co sich besorgen. Gut beraten, etablieren diese dann Konzepte von „Wissenseliten“, Sahnehauben im grauen Alltag der Massenuniversitäten, für die so genannte „Spitzenforschung“. „Es schickt sich nicht“, so Liessmann, „bei jeder Wertedebatte die Aufklärung als Kern der europäischen Identität zu beschwören und diese gleichzeitig freudig erregt wegen eines vermeintlichen Wettbewerbsvorteils preiszugeben. Wenigstens sollte man zu dem stehen, was man tut. Auch der weltweit agierende, neofeudale Kapitalismus und die ihm angeschlossenen Wissenschaften haben es verdient, beim Namen genannt zu werden: Es handelt sich um ein Projekt der Gegenaufklärung.“

Konrad Paul Liessmann: Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft, München 2009 (2.Aufl.). Liessmann ist Professor am Institut für Philosophie der Universität Wien.


Bauer/ Hegemann: Ich schaffs!- Cool ans Ziel

Minderwertigkeitsgefühle, Schuldzuschreibungen, Versagensängste werden als seelische Kümmernisse erfahren, deren Ursachen sich ein diese Erfahrender oft selbst zuschreibt. Dadurch nimmt sie/er Zusammenhänge, innerhalb derer sie entstanden sind, selten wahr. Solche Zusammenhänge können vielfältig sein, etwa eine bestimmte familiäre Geschichte, Überlastungssituationen in Schule und Beruf, überfordernde Ansprüche durch Freunde oder eine Peer-Group.
Solche Aspekte, dort, wo sie sich zeigen, aufzunehmen, ist ein wichtiger Bestandteil integrativer Lernbegleitung. Denn in den hier skizzierten Zusammenhängen bedeutet Lernen, sich über eben diese Ursachen als Bedingungen klar zu werden, die eine Einschränkung von freierer Entfaltung der eigenen Persönlichkeit erst ermöglichen. Für solches Lernen liefert das hier erwähnte Buch anregende Impulse.
Ausgehend von einem "systemischen" Ansatz, d.h. einem solchen, der die "Umweltbedingungen" eines Lerners in die Betrachtung mit einbezieht, entwickeln die Autoren aufschlussreiche Perspektiven für eine kooperative Zusammenarbeit mit Jugendlichen. Dabei weisen sie zu Recht, wie ich meine, darauf hin, dass eine bloße Rückschau auf vergangenheitsbedingte "Probleme" zum Zeitpunkt ihrer Aktualität nicht weiterhilft, vielmehr eben diese Probleme verfestigen. Daher kommt es darauf an, diese einzubinden in eine Zukunftsperspektive, die dererlei Verursachungen positiv annimmt und eben dadurch einen für die jeweilige Person offenen Zukunftshorizont mithelfend eröffnet.
Die begleitende, beratende Praxis hat darin eine Aufgabe auf Zeit. Ihr vornehmstes Ziel liegt darin, sich selbst überflüssig zu machen. Es ist erreicht, wenn ein Teenager authentisch sagen kann: "Cool - Ich schaffs".

Cristiane Bauer / Thomas Hegemann: Ich schaffs! - Cool ans Ziel. Das lösungsorientierte Programm für die Arbeit mit Jugendlichen, Heidelberg 2008




Frank Mc Court: Tag und Nacht und auch im Sommer

Wer die ersten beiden Erinnerungsbände Frank Mc Courts kennt, wird keiner Ermunterung bedürfen, den hier vorgestellten dritten Band zu lesen. Der humorvoll-bissige, heiter-melancholische Erzählstil verbürgt lebendiges Leben in und mit seinen Widersprüchen von Herkunft und Wohinwollen, vom ineinandergreifenden Spiel von Scheitern und Erfolg und vor allem: von Freuden, Fallstricken und Fettnäpfchen eines Lehrerdaseins in New York.

"Ich träumte bereits von einer Schule, in der die Lehrer Mentoren und Vertraute sind und keine Aufseher. Ich hatte kein pädagogisches Konzept, abgesehen davon, daß ich den Bürokraten misstraute, den Vorgesetzten, die den Klassenzimmern entflohen waren, nur um kehrtzumachen und fortan die Insassen dieser Klassenzimmer zu triezen, Schüler wie Lehrer gleichermaßen."

"Ich schrieb an die Tafel, ´John ging in den Laden´. Ein Stöhnen ging durch den Raum. Was verlangt der von uns? Englischlehrer, einer wie der andere. Da ist er wieder. Der doofe John mit seinem Laden. Grammatik! Du glaubst es nicht."

"Ich hatte eine Idee, eine plötzliche Eingebung. Ich sagte, Psychologie ist die Lehre vom Verhalten der Menschen. Grammatik ist die Lehre vom Verhalten der Sprache (...). Psychologie. Wer weiß es? Psychologie ist, wenn die Leute verrückt werden und man muss rausfinden, was ihnen fehlt, bevor man sie in die Klapsmühle steckt. Alle lachten. Ja,ja. Wie die Schule hier, Mann."

Frank Mc Court: Tag und Nacht und auch im Sommer. Erinnerungen, München 2008



Joachim Bauer: Lob der Schule

Der Titel wäre falsch verstanden, verstünde man ihn als Lobrede auf unser bestehendes Schulsystem. Richtig verstanden, meint er eine aus Kritik des Bestehenden entwickelte Ermutigungsschrift aus neurobiologischer Sicht. Aus dieser Perspektive entwickelt der Autor seine Frage, was Kinder und Jugendliche zu Lust am Lernen motiviert und welche Bedingungen förderlich sind, diese Lust zu entfalten und zu erhalten. „Motivieren“ bedeutet „bewegen“. Was bewegt Kinder und Jugendliche im Zusammenhang von Lehre und Lernen und darüber hinaus in einem gesellschaftlichen Umfeld, das Bildung weitestgehend auf zweckorientierte ökonomische Nützlichkeit reduziert?

„`Nützlich’ zu sein (...) heißt nicht, für sinnentleerte Ausbeutung oder für eine Maschinerie zur Verfügung zu stehen, in der immer mehr Menschen krank und depressiv werden. Nützlich zu sein heißt, anderen etwas zu bedeuten und durch die Beiträge, die man für die Gesellschaft leistet, Beachtung, Anerkennung und Freude am Leben zu finden. Das – und nur das – ist es, was im Erleben eines Kindes oder Jugendlichen „Sinn“ stiftet. Dieser „Sinn“ wird jungen Leuten aber nicht aus dem luftleeren Raum zuteil, er erreicht sie auch nicht aus abstrakten Belehrungen (zum Beispiel über Disziplin) und erst recht nicht aus zynischen Medienangeboten. „Sinn“ erhalten Kinder und Jugendliche nur von konkreten Personen, mit denen sie konkrete Erfahrungen machen können, von Menschen, die sich ihnen zuwenden und die – weil sie an sie glauben – von ihnen auch etwas fordern“. (139f.)

Wer mehr lesen möchte, wird als Denkanregung ein verständlich geschriebenes Buch vorfinden.

Joachim Bauer: Lob der Schule. Sieben Perspektiven für Schüler, Lehrer und Eltern, Hamburg 2007


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